Zum Inhalt springen
Graz · Mittwoch, 19. August 2026
Das Stadtmagazin für Graz. Modern und Direkt.
wirtschaft-kammern

KI-Sichtbarkeit: Warum jeder zweite Grazer Top-Betrieb bei ChatGPT unsichtbar ist

53 Prozent der bestplatzierten Grazer Zahnarztpraxen bei Google kamen in keiner einzigen Antwort von ChatGPT, Perplexity oder Gemini vor, als eine aktuelle Studie sie testete. Wer noch glaubt, ein gutes Google-Ranking reiche automatisch aus, um online gefunden zu werden, hat die letzten zwei Jahre verschlafen. Eine Untersuchung der Grazer Digitalagentur PA Digital zeigt schwarz auf weiß, wie viele lokale Betriebe für KI-Assistenten schlicht nicht existieren – mit teils drastischen Unterschieden je nach Branche. Für ein Wirtschaftsmagazin, das über Grazer Unternehmen berichtet, ist das mehr als eine Randnotiz: Es betrifft potenziell jeden Betrieb, über den wir hier schreiben.

GEO statt nur SEO: ein neues Kürzel für die Branche

In der Marketingbranche hat sich für dieses Phänomen bereits ein eigener Begriff etabliert: Generative Engine Optimization, kurz GEO. Während klassisches SEO darauf zielt, in den mehrseitigen Ergebnislisten von Google möglichst weit oben zu erscheinen, geht es bei GEO darum, in der einzelnen, zusammengefassten Antwort einer KI überhaupt genannt zu werden. Der Unterschied ist mehr als Semantik: SEO belohnt Keywords, Backlinks und Metadaten, GEO belohnt strukturierte, eindeutig maschinenlesbare und konsistente Informationen, aus denen ein KI-System zuverlässig zitieren kann. Beide Disziplinen schließen einander nicht aus – eine gute SEO-Position ist weiterhin eine sinnvolle Grundlage, garantiert aber, wie die PA-Digital-Zahlen zeigen, längst keine KI-Sichtbarkeit mehr.

Die Studie: 80 Betriebe, drei KI-Systeme, alltagsnahe Fragen

PA Digital testete 80 Betriebe aus fünf Branchen – Fotografen, Autohäuser, Zahnärzte, Installateure und Restaurants -, ausgewählt jeweils nach ihrer Position in den organischen Google-Suchergebnissen. Getestet wurden ChatGPT, Perplexity und Gemini mit alltagsnahen, direkten Fragen, wie sie echte Nutzerinnen und Nutzer stellen würden – etwa „Empfiehl mir einen guten Zahnarzt in Graz“. Das Ergebnis: 35 Prozent der getesteten Betriebe wurden in keiner einzigen der insgesamt 60 ausgewerteten Antworten genannt. ChatGPT allein empfahl gerade einmal 38 der 80 Unternehmen – weniger als die Hälfte, obwohl alle getesteten Betriebe bei Google zu den bestplatzierten ihrer Branche zählten. Bemerkenswert an der Methodik: PA Digital hat bewusst nicht irgendwelche Betriebe getestet, sondern gezielt jene, die es bereits an die Spitze der klassischen Google-Suche geschafft haben – also genau jene Unternehmen, die eigentlich am besten aufgestellt sein sollten. Dass selbst diese Gruppe in mehr als einem Drittel der Fälle komplett unsichtbar blieb, zeigt, dass es sich nicht um ein Randproblem schlecht aufgestellter Nischenanbieter handelt, sondern um eine strukturelle Lücke, die quer durch alle getesteten Branchen verläuft.

Zahnärzte am schlechtesten sichtbar, Gastronomie und Installateure vorn

Am deutlichsten zeigte sich die Kluft bei den Zahnärzten: 53 Prozent der getesteten Top-Praxen erschienen in keiner einzigen KI-Antwort – ausgerechnet eine Branche, die wir in unserem separaten Ratgeber zu Zahnarztpraxen in Graz ausführlich behandelt haben, unter anderem mit dem Hinweis, wie unterschiedlich gut einzelne Praxen online auffindbar sind. Restaurants und Installateure schnitten im Vergleich deutlich besser ab, wenn auch PA Digital hier keine ebenso plakative Einzelzahl wie bei den Zahnärzten veröffentlichte. Der Unterschied lässt sich plausibel erklären: Restaurants und Handwerksbetriebe sind auf Plattformen wie Google Maps, Bewertungsportalen und Branchenverzeichnissen traditionell breiter und strukturierter vertreten – genau jene Quellen, aus denen KI-Systeme ihre Antworten zusammensetzen. Zahnarztpraxen und andere Gesundheitsdienstleister dagegen verlassen sich in der Außendarstellung häufig auf klassische, wenig strukturierte Praxis-Websites mit Fließtext statt auf standardisierte, maschinenlesbare Profile – genau die Schwachstelle, die eine Studie wie diese sichtbar macht. Auch zwischen den drei getesteten KI-Systemen selbst gab es Unterschiede in der Herangehensweise: Während ChatGPT stärker auf eigenes Trainingswissen und wenige, dafür prominente Quellen setzt, ziehen Perplexity und Gemini tendenziell breiter gestreute, tagesaktuelle Web-Quellen heran – ein Grund, warum ein Betrieb bei einer KI sichtbar sein kann und bei einer anderen nicht.

Warum ein gutes Google-Ranking nicht mehr automatisch reicht

„Bei KI-Assistenten gilt diese Eintrittskarte nicht automatisch weiter“, bringt es Philipp Paizoni, Mitgründer von PA Digital, auf den Punkt – gemeint ist die Beobachtung, dass ein gutes Google-Ranking jahrelang die Eintrittskarte zu neuen Kundinnen und Kunden war. Der Grund liegt im Format selbst: Während eine Google-Suche zehn oder mehr Ergebnisse auf einer Seite zeigt, geben ChatGPT, Perplexity und Gemini in aller Regel nur drei bis fünf Empfehlungen aus – eine „The Winner Takes Most“-Dynamik, bei der es keinen Platz 6 oder Seite 2 gibt, auf die ausweichen könnte, wer es nicht auf die KI-Shortlist schafft. Auffällig auch, worauf sich die Systeme stützen: In 11 von 60 ausgewerteten Antworten zitierten die KI-Assistenten direkt Google-Bewertungen – ein Hinweis darauf, dass gepflegte Bewertungsprofile längst nicht mehr nur für menschliche Kundschaft relevant sind, sondern direkt in KI-Antworten einfließen.

Was Grazer Betriebe konkret tun können

PA Digital nennt drei konkrete Hebel, mit denen sich die eigene KI-Sichtbarkeit verbessern lässt. Erstens: technisches Schema-Markup im Quellcode der eigenen Website, das Suchmaschinen und KI-Bots präzise mitteilt, wer ein Unternehmen ist, welche Leistungen es anbietet und wo genau in Graz es sitzt – ohne diese strukturierten Daten müssen KI-Systeme raten oder auf ungenaue Drittquellen ausweichen. Konkret bedeutet das für die meisten kleineren Grazer Betriebe: das sogenannte LocalBusiness-Schema im HTML-Code der eigenen Website einbinden, mit Name, Adresse, Telefonnummer, Öffnungszeiten und Branchenkategorie exakt so, wie sie auch im Google-Business-Profil hinterlegt sind – Abweichungen zwischen den beiden Quellen verwirren KI-Systeme ebenso wie menschliche Suchende. Zweitens: eine gepflegte LinkedIn-Präsenz, weil insbesondere Perplexity und andere moderne Such-KIs Business-Netzwerke stark crawlen und aus Unternehmensdaten sowie Expertenbeiträgen dort direkte Rückschlüsse für ihre Empfehlungen ziehen. Für viele kleinere Grazer Betriebe, gerade in Branchen wie Handwerk oder Gesundheitsdienstleistungen, ist LinkedIn bisher kaum ein Thema gewesen – ein verständlicher, aber angesichts der Studienzahlen kostspieliger blinder Fleck. Drittens, und am einfachsten umzusetzen: ein vollständig ausgefülltes Google-Business-Profil mit exaktem Firmennamen, lokaler Telefonnummer, präzisen Öffnungszeiten und der passenden Hauptkategorie – Unternehmen mit aktiv gepflegtem Profil und regelmäßigen Beiträgen werden nachweislich häufiger in KI-generierten Antworten zitiert. Dazu passt der Befund, dass in 11 von 60 ausgewerteten Antworten Google-Bewertungen direkt zitiert wurden: Wer aktiv um Kundenbewertungen bittet und auf sie antwortet, füttert damit nicht nur das eigene Google-Profil, sondern auch genau jene Datenquelle, aus der sich KI-Systeme bevorzugt bedienen. Alle drei Maßnahmen – Schema-Markup, LinkedIn-Präsenz, gepflegtes Google-Business-Profil – lassen sich ohne größere Investition selbst umsetzen oder mit überschaubarem Aufwand von einer lokalen Agentur begleiten; keine davon erfordert einen kompletten Website-Relaunch.

Ein verwandter Befund aus einer größeren Studie

Dass strukturierte, maschinenlesbare Information KI-Systeme messbar beeinflusst, bestätigt auch eine unabhängige, deutlich größer angelegte Untersuchung zu Unternehmensberichten: HTML-formatierte Berichte tauchten in ChatGPT-Antworten dreimal häufiger auf als inhaltsgleiche PDF-Versionen, und sie führten in 71 Prozent der Fälle zu inhaltlich korrekten Ergebnissen gegenüber nur 54 Prozent bei PDFs. Der Grund ist vergleichbar mit den PA-Digital-Empfehlungen für Graz: Fehlt einer KI der direkte, strukturierte Zugriff auf verlässliche Daten, greift sie auf externe, oft weniger genaue Quellen zurück – mit messbar höherer Fehlerquote. Übertragen auf einen kleinen Grazer Betrieb heißt das: Eine unstrukturierte, rein bildlastige Website mit wenig Fließtext liefert einer KI kaum verwertbare Ansatzpunkte, selbst wenn sie optisch ansprechend gestaltet ist – Menschen und Maschinen bewerten dieselbe Website nach unterschiedlichen Kriterien, und beide Zielgruppen zu bedienen wird zur neuen Grundanforderung an eine Unternehmens-Website.

Warum das gerade jetzt für Grazer Betriebe zählt

Der wichtigste Satz aus der PA-Digital-Untersuchung steht fast beiläufig am Ende: Der Wettbewerb im Bereich echter KI-Sichtbarkeit ist in Graz und der Steiermark noch verschwindend gering. Wer jetzt in Schema-Markup, ein vollständiges Google-Business-Profil und eine gepflegte LinkedIn-Präsenz investiert, tut das in einem Umfeld, in dem die meisten Mitbewerber – wie die Studie zeigt, mehr als jeder dritte – schlicht noch gar nicht sichtbar sind. Das ändert sich absehbar, sobald KI-gestützte Empfehlungen für Verbraucherinnen und Verbraucher zur Gewohnheit werden. Bis dahin ist die Lücke zwischen gutem Google-Ranking und tatsächlicher KI-Sichtbarkeit für alle offen, die früh handeln – unabhängig davon, in welcher der fünf untersuchten Branchen oder darüber hinaus ein Betrieb tätig ist. Wer selbst prüfen will, wo der eigene Betrieb aktuell steht, muss dafür keine Studie beauftragen: Es genügt, dieselbe Methode wie PA Digital im Kleinen nachzustellen – eine typische Kundenfrage zur eigenen Branche in Graz bei ChatGPT, Perplexity und Gemini einzugeben und zu beobachten, ob und an welcher Stelle der eigene Name auftaucht. Ein Ergebnis, das binnen weniger Minuten mehr über die eigene digitale Sichtbarkeit verrät als so manches teure Marketing-Audit.

Weitere Artikel