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Graz · Montag, 27. Juli 2026
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Kastner & Öhler: Das Dach, Manufactum und ein 16 Jahre alter Grazer Streit

Seit der Wiedereröffnung des Grazer Traditionskaufhauses im Jahr 2010 wartet die Stadt auf eine fertige Dachlandschaft am Kastner & Öhler – mindestens 16 Jahre, Stand Sommer 2026, ohne Lösung. Jetzt, im März 2026, ist mit Manufactum ein neuer Mieter ins Jugendstilhaus in der Murgasse eingezogen. Ob das den jahrzehntelangen Streit endlich auflöst, ist offen – aber die Geschichte dahinter sagt einiges über Handel, Baurecht und Beharrlichkeit in der Grazer Innenstadt. Kaum ein anderes Gebäude verbindet auf so kleinem Raum 135 Jahre Grazer Handelsgeschichte, einen bis heute ungelösten Verwaltungsstreit und die aktuellsten Entwicklungen am Grazer Einzelhandelsmarkt wie das Haus in der Sackstraße und Murgasse.

135 Jahre Kaufhausgeschichte in der Sackstraße

Angefangen hat alles 1873 in Troppau, dem heutigen Opava in Tschechien, wo der 24-jährige Carl Kastner und der 26-jährige Hermann Öhler eine Kurzwarenhandlung gründeten. Nach Graz kam das Unternehmen zehn Jahre später, 1883 – der Überlieferung nach, weil Carl Kastner einen Zug versäumte und bei der ungeplanten Wartezeit in der Stadt zufällig das leerstehende Geschäftslokal in der Sackstraße 7 entdeckte. 1886 kauften die beiden das Gebäude, in den folgenden Jahrzehnten kamen Nachbarhäuser in der Badgasse, der Sackstraße 9, 11 und 13 sowie der Admontergasse dazu. 1894 entstand mit der „Kleinen Halle“ das erste echte Warenhaus der gesamten k. u. k. Monarchie, mit Galerien über drei Stockwerke und einem Glasdach über dem Innenhof – eine Bauform, die es in dieser Konsequenz vorher in Österreich-Ungarn nicht gegeben hatte. 1912/1913 folgte die „Große Halle“, ein fünfgeschossiger, geschwungener Jugendstil-Neubau der Wiener Architekten Fellner & Helmer – jenes Wiener Architektenduo, das im selben Gründungsjahr wie Kastner & Öhler, 1873, sein Büro eröffnete und binnen rund 40 Jahren 48 Theater- und Opernbauten zwischen Hamburg und Odessa errichtete – darunter 1899 auch die Grazer Oper, heute nach der Wiener Staatsoper das zweitgrößte Opernhaus Österreichs. Fellner & Helmer galten als die „Theater-Konfektionäre“ ihrer Zeit: neubarocke, neurenaissance- und jugendstilgeprägte Kulturtempel, mit denen sie Städte von Prag bis Budapest ausstatteten. Dass ausgerechnet dieses auf Kultur- und Prunkbauten spezialisierte Büro auch das Kaufhaus in der Sackstraße plante, zeigt, welchen Stellenwert Kastner & Öhler bereits vor mehr als hundert Jahren im Grazer Stadtbild hatte. 1959 bekam das Haus die erste Rolltreppe der Steiermark, 1945 zerstörte ein Bombenangriff den benachbarten Admonterhof, das Unternehmen baute mit der dritten Generation der Gesellschafter wieder auf. 1991 folgte ein Umbau durch die Grazer Architekten Szyszkowitz & Kowalski, 2010 die jüngste große Neugestaltung durch das spanische Architekturbüro Nieto Sobejano – jene Wiedereröffnung, nach der die Dachfrage bis heute offen ist. Eine Randnotiz aus der Frühzeit des Unternehmens verdient Erwähnung: Kastner & Öhler war eines der ersten Handelshäuser Mitteleuropas, das feste, ausgezeichnete Preise statt der damals üblichen Verhandlungspreise einführte – ein Geschäftsprinzip, das heute selbstverständlich wirkt, im späten 19. Jahrhundert aber ein echter Bruch mit der Handelstradition war. Aus dem Grazer Stammhaus wuchs über die Jahrzehnte eine Gruppe mit heute rund 15 Standorten in mehreren österreichischen Bundesländern – von der Steiermark über Kärnten bis nach Tirol, Burgenland und Oberösterreich -, dazu die Sportmarke Gigasport – beides bleibt aber unter der Führung derselben, in Graz verwurzelten Eigentümerfamilie.

Ein Dach, das seit 16 Jahren auf sich warten lässt

Nach der großen Wiedereröffnung 2010 sollte die Dachlandschaft des Kaufhauses an der Sackstraße an das historische Stadtbild angepasst werden – bis heute ist das nicht passiert. 2019 versuchte die Stadt Graz, über das Baurecht eine Fertigstellungsfrist durchzusetzen. Das Höchstgericht entschied gegen die Stadt: Das steiermärkische Baugesetz sehe schlicht keine wirksame Frist für eine Bau-Fertigstellung vor, mit der die Stadt ein privates Unternehmen zwingen könnte. Bürgermeisterin Elke Kahr erklärte dazu, man habe die rechtlichen Möglichkeiten geprüft, könne aber nicht durchgreifen – der Stadt bleiben nur Gespräche und Druck, keine Handhabe. Kastner & Öhler selbst bestätigt die eigene Verantwortung und laufende Gespräche mit der Stadt, nennt aber bis heute keinen konkreten Fertigstellungstermin. Eine Facebook-Kampagne zum Thema erreichte über 34.000 Aufrufe und 87 Kommentare – ein für ein reines Bauthema ungewöhnlich hohes öffentliches Interesse, das zeigt, wie sehr das unfertige Dach mittlerweile zum Grazer Running Gag geworden ist. Wer heute vom Schlossberg oder von der gegenüberliegenden Murseite auf die Sackstraße blickt, sieht bis heute eine Dachlandschaft, die mit dem Rest der historischen Altstadt bricht – ein Detail, das Ortskundigen sofort auffällt, Zugezogenen aber oft erst erklärt werden muss.

Manufactum zieht ein: der zweite Österreich-Standort nach Wien

Am 27. März 2026 um 12 Uhr eröffnete das deutsche Versandhaus Manufactum sein Warenhaus in der Murgasse 10, im selben Jugendstilhaus, auf den früheren Flächen von K&Ö Home. Auf mehr als 500 Quadratmetern im Erdgeschoß präsentiert Manufactum sein bekanntes Sortiment aus Küche und Lebensmitteln, Garten, Körperpflege, Bekleidung, Büro und Wohnen – vom Notizbuch bis zur Aufschnittmaschine, von der Gartenschere bis zur Daunenjacke aus Recyclingfaser, dazu ein eigener Reparaturservice. Manufactum wurde 1988 vom früheren nordrhein-westfälischen Grünen-Landesgeschäftsführer Thomas Hoof gegründet – der Überlieferung nach nach einer frustrierenden Suche nach einer schlicht funktionierenden Schere im normalen Einzelhandel. Seither positioniert sich das Unternehmen bewusst gegen Wegwerfware, mit langlebigen, oft handwerklich gefertigten Produkten und dem bis heute gültigen Slogan „Es gibt sie noch, die guten Dinge“. Für die Otto-Group-Tochter ist Graz nach Wien der zweite österreichische Standort. Kai Steffan, Geschäftsführer der Manufactum-Gruppe, begründete die Wahl so: „Graz ist eine Stadt, die Tradition und Moderne auf besondere Weise verbindet… Unsere Warenhäuser sind mehr als nur Verkaufsflächen – sie sind Orte des Entdeckens, des Austauschs und der bewussten Entscheidung für Produkte, die Bestand haben.“ Kastner-&-Öhler-Vorstand Martin Wäg ergänzte dazu: „Mit Manufactum gewinnt Graz einen Händler, der mit seinem hochwertigen Sortiment für Qualität, Langlebigkeit und Liebe zum Detail steht. Das passt sehr gut zur DNA von Kastner und Öhler.“ Vermittelt wurde die Fläche von CBRE Austria – nach eigenen Angaben bereits der zweite große Innenstadt-Deal des Immobilienberaters in Graz, nach der Vermittlung der neuen Thalia-Filiale, die die frühere H&M-Fläche direkt am Hauptplatz übernimmt. Beide Deals fallen in denselben Zeitraum und denselben engen Radius der historischen Innenstadt – ein Hinweis darauf, dass sich der Grazer Handel gerade an mehreren Ecken gleichzeitig neu sortiert, nicht nur bei Kastner & Öhler.

Löst das neue Mietverhältnis endlich das Dach-Problem?

Offiziell bestätigt ist das nicht – weder Kastner & Öhler noch Manufactum haben einen Zusammenhang zwischen dem neuen Mietvertrag und der Dachsanierung öffentlich hergestellt. In Grazer Wirtschaftskreisen und Online-Kommentaren wird dennoch genau das vermutet: dass die zusätzlichen Mieteinnahmen aus den lange leerstehenden Home-Flächen dem Unternehmen finanziellen Spielraum verschaffen, den es zuvor nicht hatte. Belegen lässt sich diese Kausalität derzeit nicht, plausibel ist sie insofern, als leerstehende Flächen naturgemäß keine Miete einbringen und ihre Neuvermietung die Einnahmensituation des Hauses verbessert. Ob daraus tatsächlich eine Dachsanierung wird, bleibt eine der offenen Fragen, die Graz seit 16 Jahren begleiten – und die sich frühestens an einem konkreten Baubeginn beantworten lässt, nicht an Ankündigungen. Rechtlich hat sich an der Ausgangslage seit dem Höchstgerichtsurteil 2019 nichts geändert: Die Stadt kann verhandeln, aber nicht erzwingen. Sollte sich die finanzielle Situation von Kastner & Öhler durch neue Mieteinnahmen tatsächlich verbessern, wäre eine Sanierung aus freien Stücken der einzige realistische Weg zu einem fertigen Dach – ein Weg, der von gutem Willen des Unternehmens abhängt, nicht von einer Behörde, die ihn anordnen könnte.

Was die Geschichte über die Grazer Innenstadt erzählt

Der Fall Kastner & Öhler zeigt exemplarisch, wie begrenzt die Möglichkeiten der Stadt Graz gegenüber privaten Immobilieneigentümern in der historischen Innenstadt tatsächlich sind – selbst bei einem derart öffentlich sichtbaren, jahrelang diskutierten Anliegen wie einer stadtbildprägenden Dachlandschaft. Gleichzeitig zeigt die Neuvermietung der Home-Flächen, dass die Grazer Innenstadt für internationale Handelskonzepte wie Manufactum weiterhin attraktiv genug ist, um trotz allgemeiner Diskussionen über Leerstand und Onlinehandel neue Standorte zu eröffnen. Der Immobilienberater CBRE, der den Manufactum-Deal ebenso vermittelte wie kurz zuvor die neue Thalia-Filiale am Hauptplatz, sieht darin kein Zufallsergebnis: Laut CBRE-Analyst Filzmoser zeigt sich in Graz „eine klare Entwicklung hin zu stärker konzeptgetriebenen Flächen“ – weg von austauschbaren Filialisten, hin zu Handelsformaten mit eigenem Profil und Geschichte, wie sie sowohl Manufactum als auch das traditionsreiche Kastner & Öhler selbst verkörpern. Beide Entwicklungen – der ungelöste Baustreit und der neue Mieter – laufen seit Jahren nebeneinander her, ohne dass das eine das andere bisher sichtbar beeinflusst hätte. Ob sich das 2026 ändert, ist eine der Fragen, die sich nur mit der Zeit beantworten lässt. Für Gewerbetreibende in der Grazer Innenstadt ist die Kastner-&-Öhler-Geschichte in jedem Fall ein Lehrstück in zwei Richtungen: Selbst ein Traditionshaus mit mehr als 150 Jahren Geschichte muss sich aktiv um neue, konzeptstarke Mieter bemühen, um seine Flächen zu füllen – und selbst eine Landeshauptstadt mit klarem politischem Willen hat gegenüber einem privaten Eigentümer oft weniger Druckmittel, als Bürgerinnen und Bürger annehmen. Beides zusammen erklärt, warum das Grazer Dach-Thema seit 16 Jahren Bestand hat, während sich rundherum das Handelsangebot der Stadt munter weiterentwickelt.

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