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Graz · Montag, 27. Juli 2026
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AVL List Graz: Der Stellenabbau bei einem der größten Arbeitgeber der Stadt

Rund 4.000 Menschen arbeiten derzeit für AVL List in Graz, weltweit sind es mehr als 12.000. Seit Anfang 2024 baut das Unternehmen in mehreren Etappen Stellen am Grazer Hauptsitz ab – zuletzt kündigte die Geschäftsführung im Jänner 2026 weitere 350 Arbeitsplätze an. Ein Überblick über Zeitplan, Gründe und Abfederungsmaßnahmen bei einem der größten privaten Arbeitgeber der Stadt.

Der Zeitplan des Abbaus

Der aktuelle Stellenabbau ist keine einmalige Maßnahme, sondern verteilt sich über mehrere Wellen: Im Februar 2024 kündigte AVL rund 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und sparte zusätzlich 130 Stellen durch natürliche Fluktuation ein. Im August 2025 folgte der Abbau von rund 350 weiteren Stellen, betroffen waren nach Unternehmensangaben rund 8 Prozent der damaligen Grazer Belegschaft. Am 28. Jänner 2026 kündigte die Geschäftsführung einen weiteren Abbau von 350 Arbeitsplätzen an, verteilt über mehrere Monate. In Summe soll die Belegschaft am Hauptstandort Graz dadurch bis Mitte 2026 auf unter 3.000 Beschäftigte sinken – gegenüber rund 4.300 Mitarbeitenden vor der Corona-Pandemie. Das entspricht über den gesamten Zeitraum betrachtet einem Rückgang von rund 30 Prozent am Hauptstandort, verteilt auf mehrere, zeitlich klar voneinander getrennte Ankündigungen statt eines einzelnen großen Einschnitts.

Die Gründe laut Unternehmen

AVL begründet die Maßnahmen mit strukturellen Veränderungen in der globalen Automobil- und Mobilitätsbranche: dem Wandel von klassischen Verbrennungsmotoren hin zu Elektroantrieben, konjunkturellen Abschwächungen in wichtigen Kernmärkten, gestiegenen Kosten, verstärktem internationalem Wettbewerbsdruck sowie einem Rückgang des Projekt- und Auftragsvolumens in einzelnen Geschäftsbereichen. Als zusätzlichen Faktor nennt das Unternehmen auch US-Zölle, die sich auf internationale Projekte auswirken. Freigesetzte Mittel sollen laut AVL gezielt in Zukunftsfelder wie alternative Antriebe, Digitalisierung und künstliche Intelligenz investiert werden. Ein konzernweites Restrukturierungsprogramm, begleitet von einer externen Beratungsfirma, läuft seit Herbst 2025. CEO Helmut List betonte im Zuge der Ankündigung im Jänner 2026: „Uns ist bewusst, dass solche Maßnahmen Menschen unmittelbar betreffen und damit weit über wirtschaftliche Aspekte hinausgehen.“ Bereits bei der Ankündigung im Sommer 2025 hatte das Unternehmen ähnlich formuliert: „Diese Entscheidung fällt uns nicht leicht. Wir sind uns der Verantwortung gegenüber unseren Mitarbeitenden sehr bewusst.“

Ein Branchentrend, nicht nur ein AVL-Thema

Der Stellenabbau bei AVL steht nicht isoliert da. Die Beschäftigtenzahl in der europäischen Fahrzeugzulieferindustrie sank laut Branchenerhebungen innerhalb eines Jahres um rund 11,1 Prozent. Auch andere große Zulieferer bauen ab: Der deutsche Automobilzulieferer Mahle strich rund 600 Stellen und fährt einen Produktionsstandort mit rund 350 Beschäftigten bis 2027 vollständig zurück, mit vergleichbaren Begründungen wie AVL – auslaufende Kundenaufträge, rückläufige Märkte und steigender Kostendruck durch asiatische Wettbewerber. Das österreichische Verkehrsministerium rechnet damit, dass durch den branchenweiten Umstieg auf Elektroantriebe langfristig bis zu 24.000 Arbeitsplätze im Land betroffen sein könnten. Auch beim Grazer Fahrzeughersteller Magna Steyr hängt ein Teil der Beschäftigung an neuen Aufträgen, etwa der ab Sommer 2025 geplanten Montage von Elektro-SUVs des chinesischen Herstellers GAC. Der Stellenabbau bei AVL fällt damit in eine Phase, in der die gesamte europäische und speziell die österreichische Automobilzulieferindustrie unter dem gleichzeitigen Druck von Elektromobilität, schwächerer Nachfrage und internationalem Wettbewerb steht.

Was AVL in Graz eigentlich macht

AVL gliedert sein Geschäft in mehrere Bereiche: Powertrain Engineering, also die Entwicklung von Antriebssystemen von klassischen Dieselmotoren bis zu Elektroantrieben, alternativen Kraftstoffen und Steuerungssoftware; Instrumentierung und Testsysteme, also jene Mess- und Prüftechnik, mit der Antriebe und Fahrzeuge weltweit getestet werden; sowie fortgeschrittene Simulationstechnologien, also Software für die computergestützte Fahrzeugentwicklung. Diese drei Bereiche ergänzen sich nach Unternehmensangaben gezielt, um Kundinnen und Kunden aus der ganzen Welt maßgeschneiderte Lösungen für aktuelle Marktanforderungen zu bieten – von klassischen Automobilherstellern bis zu neuen Anbietern von Elektrofahrzeugen.

Abfederungsmaßnahmen für Betroffene

Der Stellenabbau erfolgt laut AVL in enger Abstimmung mit der Arbeitnehmervertretung. Als Abfederungsmaßnahmen nennt das Unternehmen die Nutzung natürlicher Fluktuation, Altersteilzeitmodelle, einen Sozialplan sowie Outplacement-Angebote zur Unterstützung bei der weiteren beruflichen Orientierung. Im Raum steht zudem die Einrichtung einer Arbeitsstiftung gemeinsam mit der öffentlichen Hand, wie sie in der Steiermark bereits bei früheren Restrukturierungen anderer Industriebetriebe zum Einsatz kam – ein Instrument, mit dem gekündigte Beschäftigte über einen befristeten Zeitraum Qualifizierungsmaßnahmen und Umschulungen mit finanzieller Unterstützung durchlaufen können, um den Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt zu erleichtern. Der Betriebsrat hat den vereinbarten Maßnahmen zugestimmt, eine Zustimmung, die in der Berichterstattung überwiegend als weitgehend erwartbarer Schritt im Rahmen der vorab verhandelten Eckpunkte eingeordnet wurde.

Vom Ingenieurbüro zum Weltmarktführer: die Geschichte von AVL

AVL wurde 1948 von Hans List in Graz gegründet, ursprünglich als Ingenieurbüro für Motorenentwicklung unter dem Namen „Anstalt für Verbrennungskraftmaschinen List“ – daraus leitet sich bis heute das Kürzel AVL ab. Der Hauptsitz in Graz-Lend besteht seit den Gründungsjahren. Aus dem Ingenieurbüro wurde im Laufe der Jahrzehnte das nach eigenen Angaben weltweit größte unabhängige Unternehmen für Entwicklung, Prüftechnik und Simulation von Antriebssystemen für Pkw, Lkw und Großmotoren, mit Kundinnen und Kunden aus der gesamten globalen Automobil- und Mobilitätsindustrie. Der Umsatz lag 2025 bei rund 1,83 Milliarden Euro. Im Mai 2026 übergab Helmut List, Sohn des Firmengründers, nach 47 Jahren an der operativen Spitze des Unternehmens die Geschäftsführung an Lukas Walter und wechselte selbst in den Vorsitz des Aufsichtsgremiums – ein Führungswechsel, der zeitlich mit der laufenden Restrukturierung zusammenfällt, nach Unternehmensangaben aber losgelöst davon langfristig geplant war. Helmut List selbst hatte das Unternehmen fast fünf Jahrzehnte lang geprägt und international zu seiner heutigen Marktposition ausgebaut – ein personeller Umbruch an der Spitze, der zusätzlich zur wirtschaftlichen Restrukturierung eine zweite, organisatorische Zäsur für das Unternehmen markiert.

Die enge Verbindung zur TU Graz

Über die reine Beschäftigungswirkung hinaus ist AVL auch als Forschungspartner tief mit dem Grazer Hochschulstandort verwoben. 2017 eröffneten AVL und die TU Graz gemeinsam das AVL-TU Graz Transmission Center, ein nach eigenen Angaben weltweit führendes Kompetenzzentrum für die Erforschung neuer Getriebesysteme. Seit April 2018 betreiben beide Seiten zudem ein Christian-Doppler-Labor zur Qualitätssicherung autonomer cyber-physischer Systeme, mit einer Laufzeit von sieben Jahren und einer Förderung von mehr als 2 Millionen Euro, je zur Hälfte von der Christian-Doppler-Gesellschaft und vom Unternehmen finanziert. Dazu kommen AVL-Stipendien für Studierende der TU Graz sowie eine eigene „AVL-Klasse“ zur Vernetzung von Studierenden mit AVL-Fachleuten. Diese Verbindungen bestehen unabhängig vom aktuellen Stellenabbau fort und unterstreichen, dass AVL für den Grazer Hochschul- und Forschungsstandort eine Rolle spielt, die über die reine Zahl der Arbeitsplätze hinausgeht.

Politische Reaktionen

Der neuerliche Stellenabbau löste auch politische Wortmeldungen aus. SPÖ-Landesparteivorsitzender Max Lercher kritisierte aus seiner Sicht mangelndes Handeln der Landesregierung und forderte Maßnahmen wie einen Energietarif für Industriebetriebe sowie einen Standortfonds. Landesrätin Doris Kampus (SPÖ) forderte, die Landesregierung müsse „um jeden Arbeitsplatz kämpfen“. Weitere politische Stellungnahmen anderer Parteien lagen zum Zeitpunkt der Recherche nicht in vergleichbar konkreter Form vor.

Was der Abbau für den Wirtschaftsstandort Graz bedeutet

AVL zählt seit Jahrzehnten zu den größten privaten Arbeitgebern und zu den bekanntesten Namen der Grazer Industrie- und Forschungslandschaft, mit enger Verbindung zu TU Graz und der heimischen Automobilzulieferindustrie. Ein Rückgang der Belegschaft am Hauptstandort von rund 4.300 auf unter 3.000 innerhalb weniger Jahre ist unabhängig von der Bewertung der einzelnen Restrukturierungsschritte ein spürbarer Einschnitt für die lokale Wirtschaft, von den direkt betroffenen Beschäftigten über Zulieferbetriebe bis zu Gastronomie und Handel im Umfeld des Standorts Graz-Lend – jenes Bezirks, der laut aktuellen Zahlen zum Grazer Innenstadthandel gleichzeitig als aufstrebender Standort mit wachsender gastronomischer Vielfalt gilt. Beide Entwicklungen, der Stellenabbau bei einem Industriegroßbetrieb und der Aufschwung kleinteiliger Gastronomie- und Handelsangebote im selben Bezirk, verlaufen unabhängig voneinander und lassen sich nicht ohne Weiteres gegeneinander aufrechnen – sie zeigen aber, wie unterschiedlich sich wirtschaftliche Dynamik innerhalb desselben Stadtteils gleichzeitig entwickeln kann. Gleichzeitig betont das Unternehmen, die frei werdenden Mittel gezielt in jene Zukunftsfelder zu investieren, in denen es langfristig Wachstum erwartet – ob und wie schnell sich das in neuer Beschäftigung am Standort Graz niederschlägt, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Für den Moment bleibt festzuhalten: AVL bleibt trotz des Personalabbaus mit weiterhin rund 3.000 Beschäftigten allein am Grazer Hauptstandort einer der größten privaten Arbeitgeber der Stadt, und die enge Verbindung zur TU Graz sowie zur internationalen Automobilbranche besteht unverändert fort. Wie sich die parallel laufende Transformation der gesamten Branche – weg vom Verbrennungsmotor, hin zu Elektroantrieb und Software – langfristig auf die Beschäftigungszahlen am Standort auswirkt, lässt sich seriös erst mit einigem zeitlichen Abstand beurteilen.

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